Ökologische Modernisierung

   

   
         
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  Freie Universität Berlin
Fachbereich Wirtschaftswissenschaft
Institut für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Prof. Dr. Michael Stitzel

Veranstaltung: Ökologische Modernisierung und Umweltinnovationen
Seminar Wintersemester 2001/2002
bei: Prof. Dr. Michael Stitzel; Dipl.- Kff. Jana Gebauer

 
Ökologie


MenschNatur

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J. Bentham





       
       
       
         
         
   

 

Thema der Arbeit:

Ökologische Modernisierung als Leitbild industrieller Innovation?

Konstruktion eines Leitbildes im Spannungsfeld von Technik und Gesellschaft.

 

 

Verfasser: Karadas, Bünyamin

Studiengang Volkswirtschaftslehre

7. Fachsemester

Matrikelnummer: 34 13 529

Berlin, 29.11.2001

 

Vorwort

Der Titel meiner Arbeit deutet eine Arbeit über ökologische Modernisierung, Technik und Innovationen an. Ich werde versuchen, die Begriffe inhaltlich auszufüllen und ihre wechselseitige Durchdringung deutlich zu machen. Allerdings möchte ich vorausschicken, dass ich Technik als fortlaufenden Prozess, der uns Menschen als offenen Kulturwesen zu eigen ist, begreife. Technik, die in ihrer vergangenen Entwicklung überwiegend im Dienste der Wirtschafts- und Kriegsentwicklung, und damit im Gegenverhältnis zur Ökologie stand. Dieses Gegenverhältnis möchte ich etwas näher beleuchten und Möglichkeiten aufzeigen, dass Technologieentwicklung im Idealfall zur Modernisierung im Sinne von Ökologisierung führen kann. Dabei bin ich mir der Schwierigkeiten, die einer Ökologisierung entgegenstehen, bewusst. Es wird nicht nur eine Frage der notwendigen Technikentwicklung sein. Es wird auch zu fragen sein, wie die notwendigen Technikumbrüche und deren Konsequenzen für die Gesellschaft möglich und akzeptabel zu leisten sein werden. Dabei scheint mir die Suche nach neuen Leitbildern und deren Konkretisierung als handlungsleitende Idee von zentraler Bedeutung zu sein. Neue Leitbilder könnten Orientierungsbezüge schaffen, jenseits von Konsumzwang und ideologischen Ismen. Orientierung für eine Zeit, die in eine ökologische und „Werte-Krise“ mit einem „weiter so“ geraten ist. Dem schließt sich der Wunsch, ja die Notwendigkeit nach dem Neuen durch Modernisierung mit Hilfe von Umweltinnovationen an. Der Ansatz wird dahin gehen müssen, endlich unseren  Fortschritt im Konsens mit der Natur zu begreifen. Nach meiner Ansicht wird die große Aufgabe des 21. Jahrhundert die Lösung der ökologischen Probleme im weitesten Sinne sein. Dies wird nur durch Respekt und Versöhnung mit der Natur zu erreichen sein. Ob es möglich ist, dass zu leisten, wird die Zeit zeigen.

   

1 Innovation und Technik

Innovation bezeichnet nach dem lateinischen Ursprung die Entwicklung neuer Ideen, Techniken oder Produkte. Nach dieser Definition kann eine Innovation die Entwicklung der Demokratie oder der Atombombe sein. Im weiteren werde ich mich allerdings mit den technischen Innovationen beschäftigen. Festzuhalten ist noch, dass jede neue Technik als Innovation, aber nicht jede Innovation als Technik zu verstehen ist. Dabei gibt es noch die Unterscheidung von Innovation allgemein (entwickeln von etwas Neuem), z.B. Energieherstellung durch Kernspaltung oder Photovoltaik oder  Umweltinnovationen, die im vorangegangenen Beispiel nur noch die Photovoltaik erfassen würde. Wichtig für das weitere Verständnis ist noch die Basisinnovation zu nennen. Als Basisinnovationen werden Innovationen bezeichnet, „die grundlegende Neuerungen für die Wirtschaft darstellen und neue Märkte und Industriezweige entstehen lassen.“[1]  Zum Beispiel hat der mechanische Webstuhl (Patent 1785) von Edmund Cartwright in England die industrielle Revolution ausgelöst. In Deutschland war es die Lokomotive. Ein wichtiges weiteres Beispiel ist die Nutzung der Elektrizität. Ohne sie wäre die heutige Vielfalt an technischen Geräten in der Industrie und in den privaten Haushalten nicht denkbar. Technik wird folgerichtig im Meyers-Lexikon definiert:

„Technik (griech.), Bezeichnung für die Gesamtheit aller Objekte (Werkzeuge, Geräte, Maschinen), Maßnahmen und Verfahren, die vom Menschen durch Ausnutzung der Naturgesetze und -prozesse sowie geeigneter Stoffe hergestellt bzw. entwickelt werden und sich bei der Arbeit und in der Produktion anwenden lassen.“

Dazu gehört auch mein Versuch, eine Seminararbeit mit der Maßgabe des wissenschaftlichen Schreibens zu verfassen. Wissenschaftliches Schreiben ist der Versuch, Gedanken und Sachverhalte in geordneter, verständlicher und nachvollziehbarer Weise für andere dazustellen. Dazu bediene ich mich technischer Hilfsmittel: Ablagen, Ordner, Hefter, Kopierer, Textmarker, Papier und Stifte, öffentlichen Verkehrsmitteln, eines Schreibtisches, Beleuchtung, PC, Internet, Drucker usw. Dabei versuche ich meine gesamte Arbeit mit Hilfe von geistigen Techniken zu ordnen und zu strukturieren. Ich möchte den Versuch hier abbrechen alle Begleittechniken meiner Arbeit zu illustrieren, da eine vollständige Aufzählung sich zu einem holistischen Bild formen würde. Ich wollte deutlich machen, dass ich vollkommen mit technischem Hilfsmittel verwoben bin. Die Orientierung durch dieses Technikgeflecht wird wiederum mit, diesmal mit reinen geistigen technischen Konstrukten geleistet. Aber weshalb bediene ich mich dieser oder jener Konstrukte oder technischer Hilfsmittel? Vor allem, was löst den Antrieb aus, der zu technischen Innovationen führt? Und was ist überhaupt der Antrieb, der zu technischen Innovation führt? Diese Fragen führen mich zum Leitbild-Begriff.
 

2 Leitbilder

2.1 Der Begriff des Leitbildes

Die Frage, welche Leitbilder unser Verhalten bestimmen oder sind als möglicher Handlungsmaßstab für Entwicklungen geeignet sind, haben heute in den Sozialwissenschaften, sowie in der Wirtschaftswissenschaft Eingang gefunden. Ich möchte in diesem Zusammenhang fragen, was ist ein „Leit-Bild“eigentlich. Im „Wahrig-Deutsches Wörterbuch“ steht dazu:

„Leitbild, Vorbild, Wunschbild, Ideal.“

Beim Nachschlagen unter „ideal“ findet sich im Duden Rechtschreibung:

„ideal (griech) musterhaft, vollkommen existierend, nur in der Vorstellung, der Idee entsprechend.“

Das Fremdwörterbuch des Dudenverlages bietet folgende Definition für Idee an:

„Idee (gr.-lat.) Ideen: 1. (Philos.) a) (in der Philosophie Platos) den Erscheinungen zugrunde liegender reiner Begriff der Dinge; b) Vorstellung, Begriff von etwas auf einer hohen Stufe der Abstraktion. 2. Gedanke, der jemanden in seinem Denken, Handeln bestimmt; Leitbild.“

Auf dem ersten Blick erscheint es, als ob ein Zirkelschluss vorliegt. Allerdings erweist sich auf den zweiten Blick, dass meine Intuition richtig ist, dass der Begriff Leitbild eine leitende, die einer Vorstellung (einem Bild) zugrunde liegende Eigenschaft aufweist.

 

2.2 Der Stellenwert von Leitbildern

Alfred Adler liefert folgende Definition für den Stellenwert von Leitbild im Rahmen seiner Individualpsychologie:

„Wir können uns ein Seelenleben nicht vorstellen ohne ein Ziel [Leitbild], zu dem hin die Bewegung, die Dynamik, die im Seelenleben enthalten ist, abrollt. Das menschliche Seelenleben ist also durch ein Ziel [Leitbild] bestimmt. Kein Mensch kann denken, fühlen, wollen, sogar träumen, ohne dass all dies bestimmt, bedingt, eingeschränkt, gerichtet wäre durch ein ihm vorschwebendes Ziel [Leitbild].“ [2]

Leitbilder geben uns in unserem täglichen Leben eine Orientierung. Sie bestimmen unsere Zielvorstellungen von dem, wie wir leben wollen. Sie vermitteln uns Bilder von der Welt draußen, wie sie ist oder sein sollte. Damit bestimmen die Leitbilder auch, wie wir die Welt wahrnehmen und auf sie reagieren. Überspitzt ausgedrückt, unsere Leitbilder sind unser Schicksal.

2.3 Die funktionelle Wirkung von Leitbildern

Die Funktion von Leitbildern liegt, wie schon angedeutet in der Fokussierung auf ein Ziel. Meinolf Dierkes macht drei Teilfunktionen von Leitbildern in technischer Hinsicht aus:

§             Kollektive Projektion

§             Synchrone Voradaption und 

§             Funktionales Äquivalent.

 

„Sie bündeln zum einen die Intention und das (Erfahrungs-) Wissen der Menschen, was ihnen einerseits machbar und anderseits als wünschbar erscheint (,kollektive Projektion´). Leitbilder binden zum anderen die je individuelle Wahrnehmungs- und Bewertungsformen der verschiedenen, an der Produktion von technischem Wissen beteiligten Akteure in ein gemeinsames Richtungsfeld ein (,synchrone Voradaption´). Leitbilder ersetzen schließlich noch nicht existierende gemeinsame, verbindliche Regelsysteme und Entscheidungslogiken in der Kommunikation zwischen Vertretern unterschiedliche Wissenskulturen (,funktionales Äquivalent´).“[3]

Dabei kommt der bildlichen Funktion die Aufgabe zu, etwas was noch vage und diffus, mystisch und metaphysisch erscheint eine Konkretisierung zu geben. Eine Konkretisierung, die den Austausch mit Angehörigen von anderen Wissenskulturen zu etwas technisch denkbarem ermöglicht. Damit spricht sie die kognitive Leistung des Menschen an. Sie mobilisiert nicht nur die kognitive Leistung von Menschen, sondern auch die gesamte Persönlichkeit mit all ihren Emotionen, Affekten und Trieben. Bildhaft gesprochen, das Leitbild wir zur einer Herzensangelegenheit. Es dient auch als stabilisierendes Element zwischen all den Widrigkeiten und Unterschiedlichkeiten, die einer Zusammenarbeit zu einer technischen Entwicklung im Wege stehen können. Dieser selbst disziplinierende Aspekt zwingt immer wieder zu einer Kooperation.[4]

2.4 Wie entstehen Leitbilder

Die Beantwortung der Frage, wie es zu Genese von Leitbildern kommt, dürfte zu den schwierigsten Unterfangen überhaupt gehören. Das Vorhandensein von Leitbildern ist vermutlich so alt, wie die Menschheit selbst. Dabei sind Leitbilder einer ständigen Veränderung unterworfen, analog zu den Kulturveränderungen. Dabei scheint es, als ob Leitbilder sich nach den jeweiligen Problemen der Zeit geradezu aufdrängen. Oder sie werden von einzelnen Individuen oder Gruppen propagiert. Die Leitbilder dienen dann als Träger für Vorstellungen, Wünsche, Sehnsüchte und Motivationen des vorherrschenden Zeitgeistes. Das Leitbild bündelt die Kräfte einer Gruppe oder ganzer Gesellschaften auf ein Ziel hin. Dabei können völlig neue Leitvorstellungen entstehen, wie etwa die Idee von einer selbstlaufenden Maschine (Dampfmaschine James Watt, 1765), die ohne ein ständiges Zutun vom Menschen aus von alleine funktioniert. Eine Idee, die den Verbrennungsmotor und jegliches selbstregulierten Prinzips nach sich zog.[5] Oder alte Leitvorstellungen erfahren eine Umdeutung, wie die sogenannten ,Maschinen-Bücher´ des 16., 17. und 18. Jahrhunderts belegen. Mit allerlei Bibelzitaten erfährt die Schöpfung eine Uminterpretation. Die traditionelle Vorstellung von Nachahmung und Vollendung der Schöpfung Gottes zu der Vorstellung, dass der Mensche selber zum Schöpfer wird. Der Mensch bringt mit Hilfe der Technik eine Ordnung in die Welt, die in ihm selbst begründet ist.[6] Die Technikphilosophie der Aufklärung begriff die Technikentwicklung als identisch mit der Entwicklung der Menschheit. Sie begriffen den Verlauf der Technikentwicklung als ein Voranschreiten der Vernunft, die ja wieder selbst göttlichen Ursprungs war. Für René Descartes, der allen Lebewesen, ausgenommen den Menschen, die Seele absprach, weil nach seiner Auffassung der Mensch das einzige Lebewesen sei, welches über Vernunft verfüge, da nach seiner Vorstellung die Vernunft göttlichen Ursprungs war, war folglich die gesamte Biosphäre ein „Maschinenpark“, da sie keine Seele besäße. Auch der menschliche Körper war für ihn ein maschineller Behälter, in dem die Seele nur zuhause war. Die Medizinentwicklung ist ein eindruckvolles Beispiel für diese Betrachtungsweise.

Der Marxismus sah in der technischen Entwicklung die Entfaltung einer Gesellschaft zum Sozialismus. Aus dieser Logik lässt sich zum Teil die rigorose Forcierung der Technikentwicklung „sozialistischer“ Staaten und deren Umgang mit der Umwelt erklären. Nun zurück zu der Frage, wie Leitbilder entstehen. Es steht fest, dass technische Leitbilder von einer

großen Zahl von Akteuren getragen werden müssen. Es reicht also nicht, wenn einer oder wenige die gleiche Idee haben. Das Leitbild muss von diesen Akteuren in ihren alltagsweltlichen Wahrnehmungs-, Denk-, Verhaltens- und Entscheidungsmustern Besitz ergriffen haben. Dabei scheint festzustehen, ­unabhängig von dem unterschiedlichen Gewicht einzelner Akteure, dass insgesamt ein gewisses Gewicht der Gruppe zu der ihm umgebenden Umwelt bestehen muss, dass aus der Idee ein Leitbild wird.[7] Die Anlässe für Entstehen von tragfähigen Ideen zu Leitbildern können dabei sehr unterschiedlich sein. Ein in die Krise geratenes bisheriges Leitbild (,Autogerechte Stadt´) und die anschließende Suche nach Alternativen. Oder die alten Leitbilder haben zum Ziel geführt und damit ihre „visionäre Dimension“[8] verloren. Science-Fiction-Literatur ist auch eine Quelle für Ideen mit „Leitbildpotential“.[9]  Dabei geraten mögliche Alternativleitbilder um so stärker ins Blickfeld, je krisenbedrohter ein bestehendes Technikfeld wahrgenommen wird.[10]

 

3. Gegenwärtiger Zustand

Diese Krisenbedrohung ist heute auf vielen Technikfeldern zu beobachten. Diese Krisenbedrohung für die bestehenden  Technikfelder resultiert aus dem Bewusstsein, das Technik nicht nur Nutzen stiftet, sondern auch das gesamte Leben in der Biosphäre bedroht. Unser Klima verändert sich durch unsere gegenwärtiger Energieherstellung. Unsere Produktionsweise verseucht die Böden und das Trinkwasser. Unser Massenkonsum entzieht den nachfolgenden Generationen jegliche Lebensgrundlage. Längst sind die Auswirkungen unserer Wirtschaftsweise spürbar: Veränderung des Klimas, Anstieg des Meeresspiegels, Wüstenbildung und Artensterben sowie „Zivilisationskrankheiten“, wie die Zunahme von Allergien, Krebs, Neurodermitis und Depressionen. Unsere aus dem „Wohlstand“ abgeleitete Lebensweise schlägt sich in Zunahme an Übergewichtigen, an Herz- und Kreislaufbeschwerden und der Zunahme von Egozentrikern nieder. Längst ist ein Ausmaß erreicht, bei dem wir nicht mehr abschätzen können, welche weiteren Konsequenzen für uns zu erwarten sind. Der Versuch einer Technikfolgeabschätzung (TA) für die Kernenergie oder die Gentechnologie erweist sich als ein hoffnungsloses Unterfangen. Die möglichen Konsequenzen des Artensterbens, der Überfischung der Meere, der Abholzung der Wälder und der Klimaveränderung haben längst die räumliche und zeitliche Überschaubarkeit überschritten. Ein Krisenzustand, der äußerlich wie auch innerlich zu beobachten ist. Die dringlichten Fragen unserer Zeit sind, was der einzelne glauben soll, was er tun soll und woran er sich orientieren soll. Eine heftige Suche nach Leitbildern ist im Gange. Die Fundamentalisten und Ideologen aller Couleur sind inzwischen dabei den Menschen radikale und einfache Leitbilder zu verkaufen oder gar aufzuzwingen. Spätestens seit dem 11. September in New York ist der Welt auch klar geworden, wohin radikale Leitbilder führen können. Ich möchte an diesem Punkt die soziale Betrachtung vorerst abbrechen, und Überlegungen über eine Idee mit Leitbildpotential anstellen, die als ökologische Modernisierung bezeichnet wird.

 

4. Die Genese der ökologischen Modernisierung als Leitbild

„Bis Ende der sechziger Jahre [bestand] in der Bundesrepublik Deutschland, wie in allen hochindustriellen Länder, ein breiter und fest verankerter Konsens in der Bewertung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ... Es dominierte eine eindeutig positive Einstellung breitester Bevölkerungskreise gegenüber technisch-wissenschaftlichen Entwicklungen. [Technischer Fortschritt wurde als] Garant für Wirtschaftswachstum, gesellschaftliche und persönliche Wohlfahrt angesehen.“[11] Dieses positive Leitbild änderte sich Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre. Immer mehr Menschen nahmen eine kritische Einstellung gegenüber der technischen Entwicklung ein. Durch den rasanten Verlauf der technischen Entwicklung änderten sich für immer mehr Menschen die Stellung im Organisationsgefüge und der Inhalt ihrer Arbeit. Für viele Menschen nahm die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren, eine reale Größe an. Durch eine breite Medienberichterstattung wuchs bei vielen das Bewusstsein für die sozialen, politischen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Folgen, die der technische Fortschritt mit sich brachte.[12] „Der Fortschrittsoptimismus der ersten Nachkriegsjahrzehnte“,[13]dass jeder technische Fortschritt die Probleme von Arbeit, Ernährung und Armut beseitigen helfe, erwies sich als Illusion. Heute ist das Bild von Technik eher von Bildern wie Tschernobyl und der Küstenverpestung durch Öltanker und Chemieunfälle gekennzeichnet.[14] Die bisherige Technikentwicklung ist damit in die Krise geraten.

Die wissenschaftlich-technische Entwicklung hat inzwischen für viele Menschen einen bedrohlichen Charakter angenommen. Trotz der wachsenden Skepsis und Angst gegenüber Technikentwicklung ist das Tempo der technischen Innovationen nicht geringer geworden. Im Gegenteil. Das Tempo der letzten Jahre zeigt, dass die technischen Innovationen zugenommen haben und damit auch das Tempo der Veränderungen. Mir scheint die technische Entwicklung wie eine fahrende Lokomotive zu sein. Einmal in Bewegung gesetzt, rollt sie immer schneller. Die Zuginsassen sind ich und alle anderen Menschen. Ein Schreien, ein Klagen, sich in einer dunklen Ecke zurückziehen, die Augen verschließen. Alles scheint nichts zu nützen. Die Lokomotive ist weder abzubremsen, noch zum Stehen zu bringen. Ein zurückfahren ist gar ausgeschlossen. Dabei kommt es mir vor, als ob die Lokomotive entlang eines Abhangs in den Abgrund fährt. In dieser verfahrenen Situation erscheint der einzige Ausweg, wenigstens die Richtung der Lokomotive zu ändern. Es geht darum, die  Innovationsgeschwindigkeit auf Umweltinnovationen auszurichten. Und mit Hilfe von Umweltinnovation eine ökologische Modernisierung einzuleiten, die uns sowie die gesamte Biosphäre vor dem Absturz bewahrt. Ökologische Modernisierung wird dabei zu einem Leitbild, was im Gegensatz zu der Vergangenheit nicht mehr ausschließlich ein Gefühl des Aufbruchs ist, sondern es trägt auch die Züge der Angst, was uns erwarten wird, wenn wir unsere Richtung nicht abändern. Dabei ist die Idee der ökologischen Modernisierung auch im Unterschied zu den vergangenen Leitbildern nicht nur aus einer lokalen und überschaubaren Krise entstanden, sondern, der Geburtshelfer ist das erste Mal eine globale Krise.

 

5. Was bedeutet ökologische Modernisierung?

Ökologische Modernisierung bezeichnet das Ziel, eine „neue“ wechselseitige Beziehung zwischen dem Menschen mit all seinen technischen Verfahren und Erzeugnissen und der Natur herzustellen.

„Der Begriff der ,ökologischen Modernisierung´ wurde Anfang der 80er Jahre mit der Absicht eingeführt, den aus Rationalisierungszwängen und Wettbewerbsdruck gespeisten Modernisierungszwang entwickelter kapitalistischen Industriegesellschaften auf umweltgerechte Ziele auszurichten.“[15]

Dabei geht es um einen Bewusstseinswandel mit dem Ziel, Produkte und technische Verfahren so zu entwickeln, dass die Umwelt so weit wie möglich geschont wird. Die ökologische Modernisierung verfolgt  mit Umweltinnovationen eine Querschnitt-Strategie durch alle bestehenden Technikfelder. Alle bestehenden Technologien sollen auf  optimalem Wirkungsgrad hin optimiert werden (z.B. Einsatz von Blockheizkraftwerken, Verlängerung der Lebensdauer von Produkten). Alle Materialkreisläufe sollen geschlossen werden (Recycling-Kreisläufe). Es wird auch das Ziel verfolgt, durch eine Konsistenz/Substitutions-Strategie neue Technologien zu entwickeln (z.B. Solarenergie, Windenergie, Wasserstoffantrieb).

 

6. Welche Chancen bietet ökologische Modernisierung?

6.1 Für Unternehmen

Im Zeitalter der globalisierten Märkte, die von  hohen Dynamiken gekennzeichnet sind, bietet die strategische Ausrichtung auf Umweltinnovationen einen Leitfaden, an dem sich Produkt- und Prozessinnovation vollziehen kann. Der wachsende Markt für Umweltinnovationen eröffnet für die Unternehmen die Chance, mit dem Markt gemeinsam zu wachsen. Die Akzeptanz von Stakeholder wird durch ein positives Umweltimage vergrößert. Es kann die Mitarbeitermotivation vergrößern und damit schlummerndes Mitarbeiterpotenzial für weitere Innovationen nutzbar gemacht werden. Umweltinnovationen eröffnen die Möglichkeit, auf einem globalisierten Markt kurzzeitig hohe Monopolgewinne durch neue Umweltverfahren und Produkte zu erlangen. Diese Chancen stellen damit ein langfristiges Überleben des Unternehmens sicher. Der Aspekt eines guten Gewissens kann auch durchaus einen Sinnbezug für Mitarbeiter und auch für die Unternehmer schaffen.

 

6.2 Für die Gesellschaft

Da die Umweltbranche in Deutschland einer der wenigen Wachstumsbranchen im sektoralen Mix darstellt, eröffnen sich hier besondere Chancen für die Volkswirtschaft.[16] Die anhaltende und stärker werdende Nachfrage nach umweltverträglichen Gütern und Verfahren ist national und international stark gestiegen. Im Gegensatz zu einer Schlüsseltechnologie,

wie z.B. der Elektrizität, greift die Umweltbranche in alle Branchen und Sektoren über und bereichert sie um Umweltaspekte. Die Umweltbranche scheint dazu geeignet zu sein, eine lange Welle des wirtschaftlichen Wachstums auszulösen, die durch eine Verbundenheit der verschiedenen Technologiebereiche gekennzeichnet ist.[17] Da die Umweltbranche dabei alle Branchen durchdringt, löst sie technischen Fortschritt in allen Branchen aus. Dieser technische Fortschritt ist geeignet, Wachstum auszulösen. Besonders Deutschland kann von diesem Wachstum profitieren. Deutschland verfügt über ein dichtes Netz von Forschungseinrichtungen und über eine Volkswirtschaft, die im globalen Wettbewerb wettbewerbsfähig ist. Deutschland ist in hohen Maße exportorientiert. Durch die Chance mit dem Markt zu wachsen, können in Deutschland Arbeitsplätze gesichert und geschaffen werden. Der Wohlstand kann gesichert und die Wohlfahrt (z.B. Sozialhilfe und Wohngeld) kann erhalten werden. Die Sicherung der Sozialsysteme (z.B. Rentenabsicherung auf hohem Niveau und Pflegeversicherung). Der Erhalt und die Sicherung von Kultur und Kultureinrichtungen. Durch Eigenentwicklung und Partizipation an Forschung und Entwicklung (z.B. Genforschung)[18] kann ein Beitrag zur besseren medizinischen Versorgung und damit ein allgemeiner Beitrag zum Fortschritt der Menschheit geleistet werden. Durch den Einsatz von Umwelttechniken kann die Qualität der Umweltmedien (Wasser, Erde Luft, Ozonschicht) verbessert und damit gesundheitliche Probleme und Risiken beseitigt werden. Die ganze Gesellschaft kann zukunftsfähiger werden.

 

7. Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig?

7.1 Unternehmer-Ebene

Eine klare Strategiebestimmung auf eigene Innovationsanstrengungen in Bezug auf Umweltinnovationen. Das Etablieren eines Umweltmanagements in Bezug auf die noch zu erreichenden Umweltinnovationen. Das Einführen eines Umwelt-Ressourcenmanagements, das die Materialinputs überwacht und optimiert. Dazu gehören im Einzelnen:

  • Die Materialintensität (Ressourceneffizienz)
  • Die Flächenintensität (effiziente Bodennutzung)
  • Die Wasserintensität (effiziente Wassernutzung)
  • Die Energieintensität  (Energieeffizienz)

Der logistische Bereich (effiziente Logistik) fiele ebenfalls in das Aufgabenspektrum des Umwelt-Ressourcenmanagements, da die Logistik ebenfalls Ressourcen beansprucht. Eine Risikoanalyse für bestehende und zu entwickelnde Anlagen, freigesetzte Stoffe beim Produktionsprozess und für die abzusetzenden Produkte (Risikointensität) ist eine unverzichtbare Controllingmaßnahme, da sie doch sicher stellt, dass das Unternehmen vor bösen Überraschungen geschützt ist, die leicht den Bankrott durch Schadensersatzforderungen durch schädliche Stoffe und Produkte oder die staatliche Schließung bedeuten könnte. Die Materialeffizienzstrategie würde zusätzlich durch Kosteneinspareffekte Freiräume für Investitionen im Umweltinnovationsbereich schaffen. Ein Aspekt der Firmenphilosophie könnte lauten: Was wir durch Öko-Effizienz an Kostenersparnissen erreicht haben, investieren wir in die Entwicklung neuer Umweltinnovationen. Dieser Ansatz muss am Anfang nicht zwingend sein. Festzuhalten ist aber, dass die Kostensituation durch die Input- und Logistikeffizienz sich günstiger darstellt als vor der Implementierung eines Umwelt-Ressourcenmanagements. Das alleine würde Anstrengungen für eine lean production ökonomisch rechtfertigen. Es ist Notwendig, dass das Unternehmen einen Wechsel vom Paradigma eines Produktionsleitgedanken zu einer Orientierung zum eigentlichen Produkt vollzieht. Von der Wiege bis zu Wiege. Dieser erweiterte Ansatz erlaubt es bereits bei der Produktentwicklung auf die ökologische Verträglichkeit des Produktes einzugehen.[19] Im Vorfeld einer Produktentwicklung kann durch ökologisches Design auf Ressourcenschonung, auf verträgliche Inhaltsstoffe, auf Lebensdauer, mögliche Reparaturfreundlichkeit, die Wiederverwendung, die Recyclingbarkeit oder eine schonende Entsorgung geachtet werden.[20] Dieser „ökologische Mehrwert“ könnte durch eine Marketingstrategie kommuniziert werden. Neben der Produktorientierung ist eine ökologische verträgliche Prozessorientierung die zweite Säule der ökologischen Produktion. Ein entsprechendes Innovationssystem – wie bei der Produktorientierung – ist für den prozessualen Ablauf der Produktion zu entwickeln. Ziel muss dabei sein, Stoffkreisläufe weitgehend durch integrierte Umwelttechnik zu schließen. Wo dieses nicht möglich ist, sind durch den Einsatz von End-of-Pipe Technik die schädlichen Produktionsbegleitstoffe unschädlich zu machen. Beim Einsatz von End-of-Pipe Technologien ist ein besonderes Augenmerk darauf zu richten, dass es nicht zu einer Verschiebung in andere Umweltmedien kommt.

In diesem Zusammenhang muss darüber nachgedacht werden, ob nicht schädliche und schwierig handhabbare Stoffe substituiert werden können. In der Weise, dass durch einen Einsatz von integrierter Umwelttechnik oder End-of-Pipe Technik das Umweltziel erreicht werden kann. Das Ziel ist, zu einem  ökologisch nachhaltigen Wirtschaften zu kommen. Diese „freundliche“ Produktionsweise kann durch public Relations  für ein positives Image sorgen und damit die Akzeptanz und Bindung von Konsumenten erhöhen.

Das Gesagte setzt allerdings voraus, dass das Unternehmen innovationsfähig ist, über die entsprechenden Entwicklungsressourcen verfügt und die politischen Rahmenbedingungen eine ökologische Produktionsweise ökonomisch rechtfertigen. Die Entwicklungsressourcen können über Netzwerkbildung mit anderen Unternehmen und Umweltforschungseinrichtungen erweitert werden. Ökonomisch lässt sich das damit rechtfertigen, dass alle Unternehmen auf lange Sicht von freien und sauberen Umweltmedien (Luft, Wasser und Boden) und billigen Naturrohstoffe (z.B. Holz, Baumwolle und Naturkautschuk) profitieren. Die notwendigen ökologischen Rahmenbedingungen müssen auch von Unternehmerseite eingefordert werden.[21]

 

7.2 Nationale Ebene

Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes ist der Rohstoffverbrauch von 1991 bis 2000 um 1,9% zurückgegangen, der Energieverbrauch verringerte sich um 2,0%. Die Entnahme von Wasser aus der Natur verringerte sich zwischen 1991 und 1998 um 11,4%, der Ausstoß von Kohlendioxid ist zwischen 1990 und 2000 gar um 15% gesunken.[22] Auch wenn diese Zahlen auf den ersten Blick ermutigen, bezweifle ich doch, ob sie die große „Wende“ andeuten. Sie drücken immerhin eine Verlangsamung unseres umweltschädlichen Wirtschaftens aus. Die Ursächlichkeit der fortschreitenden Umweltzerstörung ist damit noch nicht beseitigt. Eine mögliche „Wende“ wird in erster Linie durch neue Rahmenbedingungen eingeleitet, die durch Politik gesetzt werden müssen.

Dabei steht der Politik ein großer „Instrumentenkoffer“ zur Verfügung, nämlich ordnungsrechtlichen Instrumenten (z.B. Ge- und Verbote, Genehmigungen, Grenzwertsetzung, Produktstandards, Umweltstrafrecht),

planerische Instrumente (z.B. Raumordnungspläne, Landschaftspläne, Luftreinhaltungspläne, Wasserhaushaltspläne, Abfallwirtschaftspläne), Kooperationsinstrumente (Verhandlungen, Netzwerkbildung, formale oder informale Vereinbarungen, Branchenabkommen, Selbstverpflichtungen), Informationsinstrumente (z.B. Aufklärung durch staatliche Institutionen, Umweltzeichen, Umweltbildung) und die marktwirtschaftlichen Instrumente, sowie das Umwelthaftungsrecht.

Die marktwirtschaftlichen Instrumente können noch unterteilt werden in öffentlichen Einnahmen (z.B. Umweltsteuern, Umweltabgaben, Gebühren, Lizenzen und Zertifikate),   öffentliche Ausgaben (z.B. Steuervergünstigungen, Subventionen und umweltbewusste Beschaffung).[23] Es wird darum gehen, die Instrumentenvielfalt in einem ausgewogenen Instrumentenmix einzusetzen. Dabei wird zu beachten sein, welches Instrument für welches Ziel am geeignetesten ist. Exemplarisch möchte ich anhand eines Instrumentenmix aus ordnungsrechtlichen Instrumenten, Informationsinstrumenten, kooperativen Instrumenten und marktwirtschaftlichen Instrumenten ein Verlaufschema verdeutlichen. Aus dem Ordnungsrecht könnten Signale auf künftige Grenzwertfestlegungen, z.B. für Emissionsausstoß  kommen (z.B. Kohlendioxid). Durch Informationen können staatliche oder halbstaatliche Institutionen Möglichkeiten für das Unternehmen aufzeigen, um künftig die Zielvorgabe zu erfüllen. Durch Kooperation mit noch zu gründenden nationalen Umweltinnovationszentren, entstanden durch Vernetzung von Umweltorganisationen, Umweltförderungseinrichtungen und Umweltforschungseinrichtung, könnten für die betroffenen Unternehmen Konzepte und Lösungen entwickelt werden.

Das Ziel der Umweltinnovationszentren könnten im Einzelnen sein:

·        Wissensdatenbank aller relevanten Umwelttechnologien nach Kategorien (z.B. Filteranlagen, Abwasserreinigung, Recycling)

·        Knotenpunkt für andere nationale und Internationale Umweltinnovationszentren

·        Eigene Forschungsanstrengungen in Bezug auf Verbesserungs- und neue Umweltinnovationen

·        Anlaufstelle für Unternehmen, denen Know-how und Ressourcen für einen Umstellungsprozess zur ökologische Modernisierung fehlen.

·        Schnittstelle für die EG-Umwelt-Audit-Verordnung der EG und nationalen Unternehmen, die an dem EG-Umwelt-Audit Verfahren teilnehmen möchten

·        Beratungsfunktion für nationale Politik

 

Dabei werden marktwirtschaftliche Instrumente eine große Rolle spielen, da die Finanzierung der Umstellung auf umweltfreundliche Technologien zum Teil durch eine ökologische Subventionspolitik und einer ökologischen Steuerreform geleistet werden kann.[24]

Das kann z.B. im Steuerrecht bedeuten, dass man selektive Abschreibungsmöglichkeiten schafft. Dabei können steuerliche Abschreibungen, welche die Anschaffung von Anlagen, die nicht mehr den neuesten Stand der Umwelttechnik widerspiegeln, verwehrt werden. Dadurch könnte der Wettbewerbsvorteil von Unternehmen verringert werden, die ihre Kosten externalisieren. Im Gegensatz dazu könnten steuerlichen Voraussetzungen, die eine vorzeitige und vollständige Abschreibungsmöglichkeit beim Wechsel von Technologien, deren Umweltbelastung nachweislich höher ist, zu einer Technologie, die ökologisch sinnvoller ist, geschaffen werden. Die Steuerfreibeträge für Öko-Fonds könnten z.B. höher sein als vergleichbare Kapitalanlagen. Durch eine Subventions- und Förderungspolitik  können  ökologische Innovationszentren entstehen, die dann mit den nationalen und internationalen Umweltorganisation zusammenarbeiten könnten. Die nationale und internationale Vernetzung zu anderen Umweltinnovationszentren muss dabei berücksichtigt werden. Dabei ist es, aus Effizienz- und Effektivitäts-Gründen unerlässlich, dass eine nationale Umweltplanung[25] erstellt wird, die bereits in vielen anderen Industrieländern existiert. Dieser Umweltplan muss als strategischer nationaler Rahmenplan zur ökologischen Modernisierung begriffen werden.

 

7.3 Internationale Ebene

„Seit Ende der achtziger Jahre ist es zu einer Globalisierung der Umweltpolitik gekommen.“[26]

Dabei geschieht die Ausbreitung von umweltpolitischen Neuerungen in einem beachtlichen Tempo.[27] Zwischen 1967 und 1998 wurden in 30 industrieländern Umweltministerien eingerichtet. Seit Ende der achtziger Jahre wurde in 39 industrieländern Umweltpläne erarbeitet. Auch kam es zu einer wachsenden Bedeutung von Umwelt-NGOs (z.B. Greenpeace). Die staatlichen Umweltministerien und die internationalen Umwelt-NGOs zeichnen sich mittlerweile durch einen hohen Grad an Vernetzung aus. Daneben spielen OECD und die Weltbank bei der Durchsetzung von Umweltstandards in Industrie- und Entwicklungsländern eine immer größer werdende Rolle.[28] „Die Globalisierung von Umweltpolitik hat dazu geführt, dass heute kaum noch ein Land der Welt aus dem Normgefüge internationaler Umweltpolitik ausbrechen kann.“[29] Der Prozess der globalen Vernetzung der Umweltpolitik ist fortzuführen. Nur die gleichen Umweltstandards werden sicherstellen, dass es zu keinem Müllexport und dem Auslagern von umweltintensiven Produktionsverfahren in Länder mit niedrigen Umweltstandards kommt. Um den Preis der Umwelt dieser Länder würde auch der globale Wettbewerb verzerrt werden. In einem Standortwettbewerb würden die Länder mit einem hohen Umweltstandard ins Hintertreffen geraten. Das Unterlaufen der Umweltpolitik wäre die Folge. Die Folgen wären gravierend, da schlechte Luft und Umweltgifte an Landesgrenzen nicht halt machen. Der Treibhauseffekt ist das sichtbare Zeichen, dass wir alle im gleichen Haus leben. Aus diesem Nachbarschaftsgedanken heraus sind die Bemühungen der Internationalisierung von Umweltpolitik fortzuführen und zu verstärken. Dazu wird Hilfe, Verständnis und Aufklärung nötig sein, um eine vollständige Globalisierung der Umweltpolitik zu erreichen. Hier erwachsen auch große Chancen für die Weltgemeinschaft. Durch die Bewusstwerdung für ein gemeinsames Umweltproblem kann eine globale Kommunikationskultur entstehen.

 

 

8 Kritische Rückschau

Nach den vorangegangenen Überlegungen von der prinzipiellen Realisierbarkeit der ökologischen Modernisierung  möchte ich mich den inhärenten Problemen unseres Wirtschaftssystems widmen, die einer ökologischen Modernisierung zuwiderlaufen. Die heutigen modernen Volkswirtschaften sind durch eine hohe Dynamik des technischen Wandels gekennzeichnet. Der technische Wandel bringt eine Rationalisierung der Produktionsweise mit sich. Was dazu führt, dass weniger Beschäftigte die gleiche oder sogar eine größere Produktionsleistung erbringen. Diese Rationalisierungsprozesse haben soziale Folgen. Arbeitsplätze werden  abgebaut. Allerdings wird der Abbau der Arbeitsplätze durch das Wirtschaftswachstum gebremst oder sogar kompensiert. Das Wirtschaftswachstum induziert, dass das Warenangebot steigt und damit auch der Konsum steigen muss. Das führt wieder zu mehr Rohstoffverzehr und zu einer Erhöhung des Müllaufkommens. Der globale Wettbewerb zwingt die Unternehmen zu immer neuen Innovationen, die dann durch neue Investitionen induziert werden. Die Investitionen werden wiederum durch Wachstumsprozesse induziert. So schaukelt sich das System zu einem immer höher werdenden Naturverbrauch auf. Dramatisch in diesem Zusammenhang ist, dass eine Wende zu ökologischer Modernisierung den Volkswirtschaften hohe Investitionen abverlangt. Fraglich ist auch, ob es die Dynamik des globalen Marktes den Firmen erlaubt, durchdachte Lösungen in Bezug auf Ökodesign und integrierte Umwelttechnik umzusetzen. Welche Spielräume haben die Unternehmen in einem ökonomisch global ausgerichteten Wettbewerb, um ökologischen Zielen nachzugehen, die jenseits von win-win Lösungen liegen? Zu fragen ist auch, ob der Ansatz von Adam Smith – auf individuellen Egoismus zu setzen – im Zeitalter der globalen ökologischen Probleme noch zeitgemäß ist. Ob nicht der individuelle Egoismus, der auch Habgier implizieren kann, ökologische Lösungen mit geringen Gewinnaussichten verhindert. Vor allem, was wird aus den Verlierern der ökologischen Modernisierung. Die gegenwärtigen Einrichtungen der Bundesrepublik Deutschland sind, wie die Zahlen von ca. 4 Millionen Arbeitlosen belegen, hoffnungslos überfordert, den Arbeitslosen ein Beschäftigungsverhältnis zu verschaffen.[30] Den Menschen werden durch das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess die Möglichkeiten genommen, eine Aufgabe zum Nutzen der Gesellschaft zu erbringen. Die Gestaltungs- und Wachstumschancen werden von beschäftigungslosen Menschen verringert. Allzu oft findet man bei Langzeitarbeitslosen einen Rückzug auf die elementarsten Bedürfnisse vor. Eine Resignation beschleicht diese Menschen, die nicht selten mit Alkohol und schlechter Ernährung einhergeht. Langzeitarbeitslosigkeit führt zu Selbstaufgabe und passives Erdulden der Situation. Von vielen Langzeitarbeitslosen ist kaum noch ein nützlicher Beitrag für die Gesellschaft zu erwarten. Wir stehen vor solch massiven Problem, wie die Finanzierung und Ausbau unserer Sozialsysteme sowie das Lösen unserer ökologischen Probleme, dass wir eigentlich auf ein Potential von ca. 4 Millionen Menschen nicht verzichten können. Zur Zeit sieht es so aus, dass die Arbeitslosigkeit noch wachsen wird. Nach wie vor finden Rationalisierungen statt. Dabei liegt die Wachstumsrate unter dem Niveau, dass den Erhalt und die Schaffung von Arbeitsplätzen in einem wettbewerbsorientierten Markt rechtfertigen könnte. Längst scheint klar zu sein, dass eine isolierte nationale Konjunkturpolitik wenig Wirkung zeigt. Die Internationalisierung der Märkte hat ihre eigene Gesetzmäßigkeit entwickelt. Ich frage mich, ob die Tatsache der wirtschaftlichen Globalisierung von der Internationalisierung der Umweltpolitik entsprechend gewürdigt wird. Ich Frage mich auch, ob es nicht vielleicht Grenzen vom technisch Machbaren gibt. Was ist, wenn wir feststellen, dass der ökologischen Modernisierung Grenzen gesetzt sind? Dass wir nicht alle Begleitprobleme unseres Wirtschaftens mit Technik lösen können.
 

9 Resümee

Ich denke, dass eine ökologische Modernisierung möglich ist. Ich muss das sogar denken, sonst wäre ich kein Optimist. Wobei ich meine Zweifel habe, ob die ökologische Modernisierung nur durch die isolierte Betrachtung im Bezug auf Technikentwicklung eingeleitet werden kann. Die Geschichte zeigt, dass technische Entwicklungen auch immer soziale Veränderungen mit sich brachten und soziale Veränderungen auch immer einen technischen Ausdruck fanden. Ich befürchte, dass den gesellschaftlichen Auswirkungen, die eine ökologische Modernisierung mit sich brächte, zuwenig Beachtung geschenkt wird. Die Berücksichtigung vom Wechselspiel zwischen  gesellschaftlichen und technischen Wandel ist nötig. So wie die ökologische Modernisierung als Schnittmenge zwischen ökonomischer und ökologischen Zielen eingeführt wurde, ist es doch denkbar eine gemeinsame Schnittmenge zwischen ökologischer Modernisierung und ökologischem Strukturwandel einzuführen. Mir ist wichtig, dass eine mögliche isolierte Betrachtung zwischen Technik und Gesellschaft vermieden wird.  

Dabei müssen neben dem ökologisch Verträglichen auch Fragen nach dem sozial Verträglichen beantwortet werden. Auch hierbei ist eine Internationalisierung zu fordern. Erfahrungsgemäß sind Menschen, die von Elend, Hunger und Krieg bedroht sind, nicht für ökologische Fragen zu gewinnen. Da die ökologischen Probleme globaler Natur sind, werden auch die sozialen Fragen globaler Natur sein müssen. Vor allem müssen wir diesmal alles richtig machen. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Die einseitige Propagierung der Aufklärung oder des Marxismus, dass es die Technik schon richten werde, darf sich nicht wiederholen. Eine erneute Chance werden wir vielleicht nicht bekommen. So verführerisch es sich auch anhört, dass die ökologische Modernisierung es schon richten wird, ist Vorsicht und Behutsamkeit geboten. Vor allem sollten wir uns hüten, bei all den Schreckensmeldungen über drohende ökologischen Probleme und sozialen Konflikte, die Hände in den Schoß zu legen oder durch eine hedonistische Lebensweise die Probleme zu verdrängen.

 

 

 „Wie nach Schopenhauer vor ,ruchlosem Optimismus´, müssen wir uns auch vor ruchlosem Pessimismus und Fatalismus hüten, die es entschuldigen, die Hände in den Schoss zu legen. Wir müssen wissen, dass der Mensch sein soll. Das vorgefundene Fühlen zum Wissen zu erheben ist durch ein erneutes Wissen um das Wesen des Menschen und seine Stellung im All möglich, das uns auch sagt, was im künftigen Menschenzustand zugelassen und was unbedingt zu meiden ist.“[31]                                                                                      Hans Jonas

Literaturverzeichnis

 

Adler, Alfred: Menschenkenntnis. Frankfurt am Main 1966.

Dierkes, Meinolf/Hoffmann, Ute/Marz, Lutz: Leitbild und Technik. Zur Entstehung und Steue-

rung technischer Innovation. Berlin 1992.

Dierkes, Meinolf: Die Technisierung und ihre Folgen. Zur Biographie eines Forschungsfeldes.

Berlin 1993.

Gleich, A.v./Leinkauf, S./Zundel, S. (Hrsg.), Surfen auf der Modernisierungswelle? Ziele,

Blockaden und Bedingungen ökologischer Innovation. Marburg 1997, S. 7-169, 277-291.

Hemmelskamp, Jens: Umweltpolitik und technischer Fortschritt. Eine theoretische und emp-

rische Untersuchung der Determinanten von Umweltinnovationen. Heidelberg 1999 (zugl. Diss. Univ. Heidelberg 1999), S. 1-88.

Jänicke, Martin/Kunig, Philip/Stitzel, Michael: Umweltpolitik. Bonn 2000, S. 30-155.

Jonas, Hans: „Warum die moderne Technik ein Gegenstand der Philosophie ist“ sowie „Wa-

rum die moderne Technik ein Gegenstand für die Ethik ist“, Titel: Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. Frankfurt am Main 1985, S. 9-108.

Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung vom 30.10.2001,

http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2001/p3880112.html.

Zundel, Stefan: Überlegungen zum Verhältnis von Umwelt und Innvovation. Prometheus läßt

grüßen. Zeitschrift für Ökologisches Wirtschaften, 2/1999.

 

 

Thesen-Papier zum Thema:

Ökologische Modernisierung als Leitbild industrieller Innovation?

Konstruktion eines Leitbildes im Spannungsfeld von Technik und Gesellschaft.

  1. Die technische Entwicklung hat eine Eigendynamik.
  2. Technische Entwicklungen lösen Probleme aus, deren Lösung wieder durch technische Entwicklungen geleistet werden muss.
  3. Die Grenzen, ob die Menschen aus eigenem Antrieb Technik entwickeln oder die technischen Folgeprobleme selbst die Menschen zu neuen technischen Entwicklungen zwingen, sind fließend.
  4. Die soziale, kulturelle und technische Entwicklung sind miteinander auf engste verzahnt.
  5. Ein Leitbild ist als Metaebene der materiellen Wirklichkeit zu verstehen.
  6. Bestimmte Leitbilder können von ihrer Potentialität her den Verlauf der Geschichte über lange Zeiträume bestimmen.
  7. Die ökologische Modernisierung fordert die Umgestaltung  aller technischen Lebensbereiche.
  8. Ökologische Modernisierung ist der Versuch, die Natur bei technischen Entwicklungen zu berücksichtigen.
  9. Die technischen Entwicklungen der ökologischen Modernisierung richten sich nach den Bedürfnissen der Natur.
  10. Die Integration von Technik in die natürlichen Abläufe der Ökosysteme muss einen Bewusstseinswandel mit sich bringen.
  11. Der Konsens mit der Natur erfordert, dass die Menschen das Leitbild aufgeben, die Natur zu dominieren und zu beherrschen. Das neue Leitbild muss die Natur als Partner begreifen.
  12. Ökologische Modernisierung wird ohne ökologischen Strukturwandel nicht möglich sein.
  13. Nur eine „alte“ und neue Ethik wird dem fortlaufenden Prozess technologischer Innovationen die Richtung ökologischer Modernisierung geben können.
  14. Ökologische Modernisierung wird ohne internationale politische Abstimmung nur in Richtung technologische Innovativen hinauslaufen und damit ihr Ziel verfehlen.
  15. Der Erfolg der ökologischen Modernisierung wird im starken Maße von der Lösung der globalen sozialen Probleme abhängen.
  16. Ohne eine globale Kommunikationskultur werden die sozialen Probleme nicht zu lösen sein.


 

[1] Hemmelskamp, J., Umweltpolitik und technischer Fortschritt,  1999, S. 13.

[2]  Adler, A., Menschenkenntnis 1966, S. 31.

[3]  Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 41f.

[4] Vgl. Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 52ff.

[5] Besonders deutlich wird die Idee von der selbstregulierenden dienenden Maschine in Form eines Roboters, der als williger Sklave in Besitz von Menschen ist.

[6] Vgl. Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 22f. (zit. nach Stöcklein, A.: Leitbilder der Technik. Biblische Tradition und technischer Fortschritt. München 1969, S. 64, 83).

[7] Vgl. Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 107ff.

[8] Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 111f

[9] Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 112.

[10] Vgl. Dierkes, M./Hoffmann, U./Marz, L., Leitbild und Technik, 1992, S. 111f.

[11] Dierkes, M., Die Technisierung und ihre Folgen, 1993, S. 17.

[12] Vgl. Dierkes, M., Die Technisierung und ihre Folgen, 1993, S. 17ff.

[13] Dierkes, M., Die Technisierung und ihre Folgen, 1993, S. 88.

[14] Vgl. Dierkes, M., Die Technisierung und ihre Folgen, 1993, S. 88.

[15] Jänicke, M. /Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik, 2000, S. 126.

[16] Vgl. Zundel, S., Überlegungen zum Verhältnis von Umwelt und Innvovation, 2/1999.

[17] Vgl. Hemmelskamp, J., Umweltpolitik und technischer Fortschritt,  1999, S. 68f (zit. nach Perez, C., Microelektronics, Long Waves and World Struktural Chance, 1985, S. 466).

[18] Deutschland wird sich dieser Entwicklung nicht verschließen können. Schon aus der besonderen Verantwortung und des Wissens, um die eigene Geschichte, muss Deutschland sich bemühen den Anschluss nicht zu verpassen und damit jede Möglichkeit zu verlieren, die Richtung der Genforschung mitzubestimmen.

[19] Vgl. Gleich, A.v./Leinkauf, S./Zundel, S., Surfen auf der Modernisierungswelle?, 1997, S. 81.

[20] Vgl. Gleich, A.v./Leinkauf, S./Zundel, S., Surfen auf der Modernisierungswelle?, 1997, S. 82.

[21] In der Vergangenheit haben die Unternehmerverbände immer niedrige Steuern, freies Wirtschaften oder Subventionen gefordert. Haben dabei immer den Staat angemahnt, sich herauszuhalten. Mit etwas Phantasie und Weitsicht könnten die Unternehmerverbände ebenso, neben den reinen ökonomischen Zielen, auch eigene Rahmenkonzepte für eine ökologisch ausgerichtete Politik einfordern. Auch hier wird ein Paradigmawechsel notwendig sein.

[22] Vgl. Statistisches Bundesamt, 30.10.2001.

[23] Vgl. Jänicke, Martin/Kunig, Philip/Stitzel, Michael: Umweltpolitik. Bonn 2000, S. 100.

[24] Es wird nicht ausreichen, wie es die Rot-Grüne Koalition 1998 beschlossen und umgesetzt hat eine Energiesteuer einzuführen und die dann auch noch Ökosteuer zu nennen.

[25] Vgl. Jänicke, M./Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik. Bonn 2000, S. 113-117.

[26]  Jänicke, M. /Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik, 2000, S. 138.

[27] Vgl. Jänicke, M. /Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik, 2000, S. 139.

[28] Vgl. Jänicke, M. /Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik, 2000, S. 141ff.

[29]  Jänicke, M. /Kunig, P./Stitzel, M., Umweltpolitik, 2000, S. 147.

[30] Die Maßnahmen sind auch nicht viel besser. So ist für mich nicht nachvollziehbar, warum die öffentliche Hand die Arbeitslosen über den 2. Arbeitsmarkt mit teils hirnrissigen „Sozialprojekten“ beschäftigt oder „Arbeitseinstiegskurse“, wie Bewerbe ich mich, wie bastele ich eine Homepage oder wie mache ich mich selbstständig oder schlicht und einfach, wir stellen etwas her, dass nicht verkauft wird.

[31] Jonas, H.: Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung, 1985, S. 74.