Jeremy Bentham -Utilitarismus

   

   
         
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Freie Universität Berlin
Fachbereich Wirtschaftswissenschaft
Institut für Theorie der Wirtschaftspolitik 
Prof. Dr. Hajo Riese

Veranstaltung: Theorie der Wirtschaftspolitik im Kontext der klassischen liberalen Ökonomie
Seminar Wintersemester 2001/2002 
bei: Dr. Jürgen Schramm

 
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J. Bentham





       
       
       
         
         
   

 

Thema der Arbeit:

Jeremy Bentham: Utilitarismus und Reformen

 

 

 Verfasser: Karadas, Bünyamin

Studiengang Volkswirtschaftslehre

7. Fachsemester

Matrikelnummer: 34 13 529

Berlin, 22.4.2002

 

 

 
 

1 Einleitung

 

Das Thema meiner Arbeit bezieht sich auf Jeremy Benthams (1748-1832) Ansatz vom Utilitarismus und die daraus folgenden Ansätze für gesellschaftspolitische Reformen, die aus dem Prinzip des Utilitarismus abgeleitet werden können. Überspitzt kann man Benthams Lehre mit, was nützlich ist, ist gut und was gut ist, muss nützlich sein umschreiben. Darin erblickt Jeremy Bentham den archimedischen Hebel, mit dem er das Glück für die Menschen heben will. Dieser Art von Pragmatismus hätte wohl nirgends woanders entstehen können als in England  zu Zeiten der Industrialisierung. Ein Pragmatismus, der geradezu erfrischend und einfach in der Handhabung erscheint, wenn man die vielen Ansätze vor Bentham betrachtet, die auch das Richtige und Gute im Auge hatten und damit das vermeintliche Glück der Menschen im Blickfeld. Ansätze, wie der außerweltliche epikureischer Ansatz von Freude durch freundschaftliche Bande mit den Menschen. Der innenweltliche Ansatz des Stoizismus, der in der Pflicht und zurückhaltende Gemütsruhe das menschliche Glück ausmachte. Der spirituelle Ansatz der Eremiten, die in die Wüste gingen, um in der „Vereinigung“ mit dem Göttlichen die Glückseeligkeit zu erfahren. Wenn man versuchte, den vorangegangenen Wegen ein Äquivalent zuzuordnen, würde sich der Körper, Geist und die Seele anbieten. So wurde schon vor Bentham der Weg der Emotionalität, der Rationalität und auch der Spiritualität als Anknüpfungspunkte zur Erreichung von Glück angesehen. Benthams Ansatz ist viel nüchterner und geradezu einfach. Für ihn existieren lediglich zwei Lebensprinzipien. „Die Natur hat den Menschen unter die Herrschaft des Vergnügens und des Schmerzes gestellt. Ihnen verdanken wir alle unsre Ideen; auf sie beziehen wir alle unsre Urteile, alle Bestimmungen unseres Lebens.“[1] Aus diesen beiden Prinzipien entwickelt er den Utilitarismus, welches beiden Prinzipien bei jeglicher Handlung auf ihre Wirkung hin im Bezug zu den genannten Prinzipien berechnen. Selbstredend geht es Bentham dabei um die Erreichung des Vergnügens bzw. des Glücks.

   

 

2 Jeremy Bentham

 Britischer Sozialphilosoph, Ökonom, Jurist und Autor von Zahlreichen politischen, juristischen und sozialen Schriften.

Jeremy Bentham würde man heute am ehesten mit dem Begriff eines eigenwilligen Wunderknaben umschreiben. Jeremy Bentham wird am 15. Februar 1748 in London als Sohn eines wohlhabenden Rechtsanwalts geboren. Schon sehr früh erweist sich Bentham als ein wahres Wunderkind. Als der kleine Jeremy kaum laufen konnte, fand ihn einmal der Vater am Schreibtisch über einer mehrbändigen Ausgabe über die Geschichte Englands. Mit drei Jahren liest er schwierige Abhandlungen. Mit fünf spielt er Violine und ein Jahr später lernt er Latein und Französisch. Mit zwölf Jahren geht er an die Universität von Oxford, um Jura zu studieren. Er macht seinen Abschluss als Jurist  und schlägt  zunächst die Laufbahn eines Anwalts ein, beschäftigte sich dann allerdings mit dem Verfassen politischer Schriften.  Er unternimmt viele Studienreisen und verdient sich auch hier da als Privatlehrer ohne eine feste Erwerbstätigkeit nachzugehen. Er entwirft eine unfassende Reform des Rechtssystems sowie eine allgemeine Theorie über Recht und Moral. 1789 machte er sich als Autor der Introduction to the Principles of Morals and Legislation (Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung) einen Namen. Darin entwickelt Bentham den Utilitarismus als Basis jeglicher Reform.[2] Er versucht die Führer der Französischen Revolution zu beraten. Dafür wurde er 1792 mit der französischen Staatsbürgerschaft ausgezeichnet. In England setzte sich Bentham für Parlamentsreformen ein, und fordert Verbesserungen für den Strafvollzuges. Bentham war der Führer einer - am Ende des 18. Jahrhunderts politisch sehr einflussreichen Gruppe von Philosophen, den sogenannten „Philosophischen Radikalen“, denen auch James Mill und sein Sohn John Stuart Mill angehörten. Die von ihnen gemeinsam herausgegebene Westminster Review dient als Sprachrohr für ihre Reformideen. Bentham stirbt  am 6. Juni 1832 in London. Auf eigenen Wunsch wird  sein Leichnam vor den Augen seiner Freunde seziert. Sein mit einem Wachskopf (der echte Schädel wurde mumifiziert) versehenes, völlig bekleidetes Skelett steht noch heute im Foyer der Londoner University College, das Bentham mitbegründete.[3]

 

 

3 Benthams Zeit

 Große Umbrüche kennzeichnen Benthams Zeit. Die englische Gesellschaft macht eine Transformation von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft durch. Begleitet wurde dieser Prozess durch eine große Verelendung der Menschen. Besonders kennzeichnend für diesen Transformationsprozess sind die damaligen Elendsquartiere in den englischen Städten. Armut, Elend und Kriminalität sind auch Begleiter dieser Veränderung. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden zunehmend komplexer, schwieriger zu regeln und auch zu durchschauen. Es gab noch kein allgemeines Bildungswesen, kaum Sozialfürsorge und keine politische Teilhabe. Trotz Modernisierung wurde die Politik wie seit Jahrhunderten von einer kleinen Oberschicht aus Adligen und Großgrundbesitzern bestimmt.[4] Dabei nahm die Komplexität durch Arbeitsteilung und neue Produktionsmethoden und neuen Gütern zu. Das alte Reglungssystem erwies sich immer mehr als untauglich, um die ökonomischen Verhältnisse nicht zu behindern. Der Liberalismus des Adam Smith bot einen Ausweg. Adam Smith betonte die individuelle Entscheidungsfreiheit jedes Individuums und übertrug damit die Verantwortung für Entscheidungen den Individuen selbst. Alle ökonomischen Austauschbeziehungen sollten über einen freien Markt in Übehreinstimmung gebracht werden. Der Staat habe sich auch nicht mehr in den Markt einzumischen. Adam Smith sieht die Mehrung des Glückes durch Steigen der allgemeinen Wohlfahrt der Gesellschaft durch die vermehrte ökonomische Handlungsfähigkeit der Individuen und verweist den Staat lediglich die Rolle eines Beobachters bzw. Produzenten von Sicherheit und öffentlichen Infrastrukturmaßnahmen zu. Malthus Position ist sogar besonders  konträr zu Bentham. Eine besonders radikale Position von Malthus war die Armenfürsorge für die Bevölkerung einzuschränken bzw. abzuschaffen, um die Ausweitung der Verelendung langfristig Herr zu werden.  Während also Adam Smith in den ungehemmten Wirtschaften das steigern der Wohlfahrt erblickt und das soziale Problem durch ein „natürliches Fürsorgegefühl“ der Unternehmer zu lösen sieht, sieht Malthus die Lösung durch einen natürlichen Mechanismus. Bentham sieht die Lösung der Probleme seiner Zeit nur durch einführen von umfassenden Reformen, die sich aus der Ethik des Utilitarismus ableiten lassen. Dabei sieht er es als dringend geboten, dass der Staat eingreift, um das Existenzminimum zu sichern.[5] Er erblickt sogar als die vorrangigste Aufgabe seiner Zeit darin, ungeachtet der Besitz- und Eigentumsverhältnisse, in der Beseitigung der Armut, des Schmerzes und des Elends.[6]

 

4 Der Utilitarismus

 4.1 Als Allgemeinanspruch

 Der Utilitarismus ist die Antwort von Jeremy Bentham für die Probleme seiner Zeit. Allerdings wird der Begriff des Utilitarismus erst durch den bedeutensten Schüler und Weggehfährten Benthams John Stuart Mill (1806-1873) eingeführt. Seit dem steht der Begriff des Utilitarismus weit über seine originäre lateinische Bedeutung von utilis=nützlich für eine Theorie der Ethik des Rechts und der Sozialphilosophie. Dabei erhebt der Utilitarismus einen universellen Anspruch. Dazu schreibt John Stuart Mill: „Indem dies nach utilitaristischer Auffassung der Entzweck des menschlichen Handels ist, ist es notwendigerweise auch die Norm der Moral. Diese kann definiert werden als die Gesamtheit der Handlungsregeln und Handlungsvorschriften, durch deren Befolgung ein Leben der angegebenen Art für die gesamte Menschheit im größtmöglichen Umfange erreichbar ist; und nicht nur für sie, sondern, soweit es die Umstände erlauben, für die gesamte fühlende Natur.“[7]

 

 

4. 2 Als Individualethik

 Bentham entwickelt im festen Glauben, dass der Menschen schon immer nach Glück gestrebt und Unglück zu vermeiden versucht hat seinen Utilitarismus. Er glaubt mit seiner Nützlichkeitsethik den Mechanismus gefunden zu haben, der die Ursache allen Glückes ist.

Der Utilitarismus wird zu einer Handlungsregel für des „größtmöglichen Wohl der größtmöglichen Zahl“[8] von Menschen beizutragen. Dies ist die einfache Handlungsanweisung des Utilitarismus. Jeder einzelne soll bei seiner Handlung zwar sein eignes Glück im Auge haben und Unglück und Schmerz zu vermeiden versuchen, aber steht’s auch das Wohlergehen seiner Mitmenschen nicht aus dem Auge verlieren. Verhalte dich so, so du willst, dass der Andere auch sich gegenüber verhält. Nur diejenige Handlung ist dabei als Gut und richtig und damit moralisch korrekt, die das Nützliche bewirkt und damit nach seiner Auffassung dem Glück dient. Da Unglück aus einem Schmerz oder einem ähnlichen Gefühl herrührt, wird bei Bentham die Lustempfindung mit Glück gleichgesetzt. Alles was den Sinnen auf angenehme Weise dient (z.B. schöne Töne, gute Gerüche, guter Geschmack und vor allem Gesundheit), ist für Bentham nützlich. Auch der Besitzerwerb, der Erfolg, die Freundschaft, das Ansehen und der Respekt in der Gemeinschaft, der Machtzuwachs, Wissenserwerb und auch die Rechtsgläubigkeit dient nach seiner Auffassung der Lust und ist damit folglich gut.[9]

Unlustempfindungen lösen das Entbehren einer Sache aus, Unlustempfindungen der Sinne (z.B. schräge Töne, schlechte Gerüche, schlechter Geschmack und vor allem Krankheit), die Besitzlosigkeit, der Misserfolg, die Feindschaft (Angst), ein schlechter Ruf, die Ohnmacht und auch eine übertriebene Frömmigkeit, die zu Angst führen kann.[10] Dabei sind auch immer vier Begleitumstände von Lust- und Unlustempfindungen zu berücksichtigen:

 

1.      von ihrer Stärke.

2.      von ihrer Dauer.

3.      von ihrer Gewissheit.

4.      von ihrer Nähe.

 

Da jede Wirkung auch eine weitere Wirkung nach sich zieht, macht Bentham noch zwei weitere Begleitumstände aus, die ebenfalls zu berücksichtigen sind.

  1. Ihre Fruchtbarkeit.

„ Eine fruchtbare Lustempfindung ist jene, die Wahrscheinlich Lustempfindungen gleicher Art, eine fruchtbare Unlustempfindung gleicher Art zur Wirkung hat.[11]

2. Ihre Reinheit.

„Rein ist die Lustempfindung, die wahrscheinlich keine Unlust, und rein ist die Unlustempfindung, die wahrscheinlich keine Lust hervorbringen wird.“[12]

Das sind nach seiner Meinung alle Begleitumstände und Abhängigkeiten, die sich aus einem Handeln ergeben können. Nach Möglichkeit sollte aber auch jeder Einzelne den großmöglichen Nutzen der großmöglichen Zahl nicht aus dem Auge verlieren. Es ist wie ein mathematisches Kalkül, das jeder Handlung voran geht. Da für ihn die Nützlichkeitshandlung zur Lustbefriedigung und Ethik und damit Moral zusammenfällt, und glaubt mit der Klärung aller Begleitumstände ein sicheres System entwickelt zu haben, um auch ethisch richtiges Handeln zu induzieren, lehnt er andere Kriterien zur Erkennung vom richtigen Handeln ab. Handlungsbegründungen durch ein Gewissen oder moralischen Sinn oder gesunder Menschenverstand oder gar Vernunft, lehnt er als subjektive Empfindung ab. Auch religiöse Gebote sind für ihn keine ewigen und unumstößlichen Wahrheiten.

Bentham zielt mit seiner Ethik in der ersten Linie auf Bedürfnisbefriedigung und Lustgewinn ab. Materielle Güter stehen ihm als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung im Vordergrund. Daher hat man seine Ethik als materialistische Ethik oder gar als „Schweinethik“ abgelehnt. Er würde den höheren Anlagen des Menschen mit seiner einfachen materialistischen Lustethik nicht gerecht werden. Daher hat John Stuart Mill mit seiner Schrift der Utilitarismus diesen Vorwurf zu begegnen versucht. Mill betont in seiner Schrift der Utilitarismus, dass es unsinnig ist, anzunehmen, dass Freude ausschließlich eine reine Quantität von Lust ist. Dass es noch eine qualitative Ebene der Freude gibt, die nicht ausschließlich sinnlich festzumachen ist, sondern geistiger und edler Natur ist, welches man sogar im Streben nach Utilitaristischer Handlungsweise den Vorzug geben müsse.[13]

„Nur wenige Menschen würden darein einwilligen, sich in eines der niederen Tiere verwandeln zu lassen, wenn man ihnen verspräche, daß sie die Befriedigung des Tieres im vollen Umfange auskosten dürften. Kein intelligenter Mensch möchte ein Narr, kein gebildeter Mensch Dummkopf, keiner, der feinfühlig und gewissenhaft ist, selbstsüchtig und niederträchtig sein – auch wenn sie überzeugt wären, daß der Narr, der Dummkopf oder Schurke mit seinem Schicksal zufriedener ist als sie mit dem ihren.“[14] Sollte dem Menschen dieses doch mal in den Sinn kommen, dann nur im äußersten Unglück.[15] Für J.S. Mill ist es eine irrtümliche Vorstellung den Utilitarismus als reines Lustprinzip zu betrachten. Dies würde die menschlichen Eigenschaften und wahren menschlichen Bedürfnissen zuwiderlaufen. „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“[16] Daher kann der Utilitarismus nur dadurch erreicht werden, wenn es zur allgemeinen Ausbildung und Pflege eines edlen Charakters kommt, der auch bereit ist, Einbußen seines Glückes hinzunehmen, um seinen Edelmut zu beweisen.[17] „Daß ein Leben unbefriedigend ist, hat seine Ursache außer im Egoismus vor allem auch im Mangel an geistiger Bildung.“[18] Damit tritt neben der Bentam´schen Analyse und einem konkreten Schema, die unbedingte Aufforderung nach Wissen und Bildung zu streben. Ein edlen und empfindsamen Charakter auszubilden und Edelmut gegen seine Mitmenschen walten zu lassen.

 

4.3 Als Staatsethik

 „Das öffentliche Wohl sei das Ziel des Gesetzgebers: die allgemeine Nützlichkeit sei das höchste Princip in der Gesetzgebung. Die Erkenntnis des Wohls der Gemeinschaft, von deren Interessen es sich handelt, bildet die Theorie, die Auffindung der Mittel es zu verwirklichen, die Praxis.“[19] Bentham formuliert hier nichts weniger als das oberste Staatsziel, welches ein Staat gegenüber seinen Bürgern einzunehmen hat. Als Erstes müsse der Staat genau ermitteln, was das Nützliche sei und dies mit Begriffen benennen, die für jedermann verständlich sein. Als Zweites habe der Staat diesem Prinzip vor allem anderen Vorrang einzuräumen und als Drittes seien die Mittel zu finden, um dieses Prinzip zu verwirklichen.[20]  Das stärkste Prinzip, wovon sich der Staat in der Vergangenheit leiten ließ, war Sympathie und Antipathie. Trotz der glänzenden Resultate von Vorstellungen von guten Sitten, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Macht, Handel und selbst Religion sei der Staat auch in die irre geführt worden, da er die Sympathien oder Antipathien oft genug als Selbstzweck betrachtet habe und nicht als Mittel zur Erreichung von Glück für die Menschen.[21] Die wahre Bedeutung von Moral sei „im allgemeinen, die Kunst, die Handlungen der Menschen so zu lenken, daß sie die größte mögliche Summe von Glück hervorbringen.“[22] Die Frage der Religionsausübung habe der Staat jedem einzelnen Selbst zu überlassen. Jeder Einzelne könne am Besten beurteilen, in welcher Religion er ein Glück zu finden glaubt. Bentham fordert hier Religionsfreiheit. Außerdem macht er als allgemeine Regel für den Staat aus, dass er seinen Bürgern den großmöglichen Spielraum einräume muss für Handlungen, auch wenn der Bürger sich sogar mit seiner Freiheit Selbst zu Schaden vermag. Hier wird die allgemeine Handlungsfreiheit von Bentham propagiert. [23] Nach Möglichkeit habe der Staat keine Gesetze zu machen, da alle erlassenen Gesetze von Übel seien, da sie die Handlungsfähigkeit der Menschen einschränkten. Die Berechtigung von Gesetzen seien nur gegeben, um mögliches größeres Übel zu unterbinden.[24] Gesetze seien Notwendig, da viele Menschen noch nicht über die nötige Einsicht, Seelenstärke und sittliche Empfänglichkeit verfügten und sie einer Lenkung durch Gesetze bedürften. Daher sei es eine vordringliche Aufgabe des Staates die Selbstverantwortung und Moralität des einzelnen zu stärken.[25] 

 

Dabei macht er vier Klassen an Sanktionen aus, die Lust- und Unlustempfindungen auslösten:

1.      Die Physische (Lust und Leid, die als direkte Konsequenz des Handelns erfahren wird).

2.      Die politische (der Einfluss von Politik und Rechtssprechung).

3.      Die Moralische (die Beurteilung des Handelns durch die anderen).

4.      Die Religiöse (der Einfluss auf die Handlungen, der durch den Glauben an göttliche Belohnung und Strafe entsteht).

Diese würde das Verhalten von Menschen lenken, und daher könne er sich vorstellen, vier Gesetzesbücher zu entwickeln, die diesem Umstand Rechnung trügen. Besser wäre es, ein Gesetzbuch zu entwickeln, welches alle vier Sanktionsklassen in ihrer Bedeutung würdige.[26]

Dabei habe der Staat auch immer die Wirkung seiner Urteile auf den einzelnen zu berücksichtigen. An dem Beispiel einer Geltstrafe macht Bentham dies deutlich. Dass z.B. eine Geltstrafe für eine zu ahndende Tat auch immer von dem verfügbaren Vermögen des Täters abhängig zu machen ist, wenn sie überhaupt die gleiche Wirkung als Sanktion haben soll. Daher seien Gesetze so zu gestalten, dass sie einen gewissen Spielraum den Richtern einräumten, innerhalb dessen sie eine Tat im Bezug auf den Täter auszugestalten hätten.[27]

Diese Ungleichbehandlung von Ungleichen  schließt sich die Forderung von J.S. Mill nach einer Gleichbehandlung aller Menschen an. Alle Menschen hätten das Recht gleich behandelt zu werden, „außer dann, wenn ein anerkanntes Gemeinschaftsinteresse das Gegenteil erfordert.“[28] Für Mill haben damit alle Menschen vor dem Gesetz gleiche Rechte. Außerdem führt Mill noch eine fünfte Sanktion als Lenkung von Lust- und Unlust ein. Für ihn ist sie sogar die fundamentalste Sanktion. Es ist ein inneres subjektives Gefühl von Sittlichkeit. Vor allem dieses habe der Staat mit Hilfe von Institutionen zu fördern.[29]

 

4.4 Als Globalethik

 So wie Bentham für die Einzelne Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Wohlstand und Glück einfordert, so setzt sich das Fort auf die Gemeinschafebene und Staatsebene und damit auch letzten Endes auf die internationale Ebene. Es wird bei Oskar Kraus auch angemerkt, dass Bentham der erste war, der den Begriff „international“ in die Literatur eingeführt habe.

„Das größtmögliche Wohlergehen aller Nationen der Erde“[30]fordert Bentham in seinen Grundsätzen für ein künftiges Völkerrecht. So fordert er auch die Freiheit der Meere und möglichste Abrüstung, eifert gegen die Machtpolitik und tritt für die Emanzipation der Kolonien ein. Hält den Besitz von Kolonien sogar für schädlich. Tritt für einen vollständigen Freihandel ein, wobei er nur vorübergehende Maßregeln von Schutzzöllen zulassen will. Bentham sieht den Krieg mitunter als einziges  Heilmittel einer verzweifelten Krankheit, aber benennt ihn als größtes Unheil. Streitigkeiten zwischen den Nationen sollen vor einem gemeinsamen internationalen Gerichtshof zur Entscheidung vorgetragen werden. Bentham schreibt, dass es für eine europäische Brüderschaft nichts Unmöglich ist. Dabei verweist er auf die amerikanische Konföderation und auf die Schweizer Eidgenossenschaft. Der Gedanke vom größeren Nutzen geht bei Bentham sogar soweit, dass er es für verantwortlich hält, dass ein Staat auf seinen persönlichen Nutzen zugunsten einer anderen Nationen verzichtet, wenn damit ein größerer Nutzen zu Erreichen sei und wenn es für die Untertanen löblich gewesen wäre, das Opfer Selbst zu bringen.[31]

  

5 Nachwirkungen des Utilitarismus

 Jeremy Bentham scheint kaum bekannt zu sein, jedenfalls in Deutschland. Er hat nie die Wirksamkeit von Kant und Hegel in der deutschen Geisteswissenschaft erreicht. Eher ist sein Schüler J.S. Mill eine bekanntere Person in Deutschland. Aber die einfache und sehr plausible Idee sein Handeln und deren Richtigkeit auf die Nützlichkeit für sich selbst und die Gemeinschaft auszurichten hat viele  Nachahmer in der Welt gefunden. Seine Ideen für ein Völkerrecht, für eine europäische Gemeinschaft, die Schädlichkeit fremder Gebiete als Kolonien zu halten, Spannungen durch Ungleichheit oder Bevorzugung von Handelsabkommen und vor allem von Kriegen, reichen Weit über den Geist seiner Zeit hinaus. Die Idee für eine Schonende und Artgerechte Haltung ohne unnötige Qual der Tiere, beginnen sich auch erst Jetzt in Deutschland durchzusetzen. Das nüchterne Nützlichkeitskalkül wurde im Marxismus/Leninismus als kollektive Doktrin allen Menschen eine Haltung zur Nützlichkeit im Dienst und zum Nutzen der sozialistischen Gesellschaft verordnet. Der amerikanische Pragmatismus hat gar erklärt: ,,Wahr ist, was nützlich ist.“ Der praktische Nutzen wurde zum Kriterium für wahres Denken. Peter Singer, australischer Philosoph und Utilitarist, hat sogar im Rahmen seiner Bioethik die Euthanasie und die Abtreibung befürwortet. Aus größeren Nützlichkeitserwägungen für die Gesellschaft.[32]

Besonderen Einfluss hatte die Idee, dass der Mensch sich vom Nutzengedanken leiten lässt auf die Grenznutzenschule. Fast Zeitzgleich formulierten Carl Menger, William Stanley Jevons und Léon Walras  anfangs der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts, dass der Verbraucher mit seiner subjektiven Einschätzung vom Nutzen eines Gutes oder Produktes dessen Wert und Preis bestimmt. Wesentlich für die Theorie dieser Schule war der Grenznutzen, also der Nutzen des zuletzt verbrauchten Gutes, dessen Wert den der anderen mitbestimmt. Im Gegensatz zum objektivistischen Erklärungsmodell der Klassik der Volkswirtschaftslehre steht in der Grenznutzenschule das Subjekt mit seiner Einschätzung vom Nutzen der Güter im Zentrum der Theorie. Damit waren die Voraussetzungen für die Entwicklung der Neoklassik gelegt mit ihrer Marginalanalysebetrachtung.[33]

 

 

6 Schlusswort

 6.1 Von Bentham

 „Wollt ihr wissen, welche unter zwei entgegengesetzten Handlungsweisen der Vorzug gebühre? Rechnet ihre guten und üblen Wirkungen zusammen, und entscheidet euch für jene, welche die größte Summe von Glück verspricht.“[34]

 

6.2 Von mir

 Nützlich zu handeln ist auch ein vernünftig bzw. richtiges Handeln ist bei Gott nicht neu. Schon in der Antike war dieser Gedanke aufgekommen. Ich selbst versuche, ohne den Utilitarismus vorher gekannt zu haben, das auch schon immer zu tun. Dies würden auch die meisten Menschen für sich in Anspruch nehmen. Der Verdienst von Bentham wird wohl darin liegen, dass er den Nützlichkeitsgedanken konsequent als Gemeinsinn für den einzelnen, für den Staat und für die Nationen entwickelt. Nach meinem Eindruck fürchtet sich Bentham  in Spekulationen zu verlieren, wie mansche Moralisten. Daher kommt seine Nützlichkeitsethik etwas profan und funktional rüber. Besonders gefährlich wird dies, wenn man sich die Ansichten von Peter Singers mit seiner Euthanasie Befürwortung, vor Augen führt. War das Euthanasieprogramm der Nazis „geistloses“ Leben auszulöschen nicht nützlich für die „Volksgemeinschaft“? Haben sie damit nicht Kosten für die Volksgemeinschaft eingespart? John Stuart Mill wird wohl geahnt haben, welche profane Nüchternheit hinter dem Utilitarismus von Bentham steckt. Er hat wieder ein Element des Spekulativen mit seinem Sittlichkeitsgedanken in den Utilitarismus eingeführt. Damit ist er in Widerspruch zu seinem Lehrer geraten. Ob er aber damit den Utilitarismus wieder mit etwas höheren und Universalen zu verbinden vermochte, wird wohl weiterhin eine Streitfrage bleiben. Auch war es nicht Bentham, der die Debatte um internationale Gerechtigkeit, globalen Frieden, Europäisierung, Gleichheit und Freiheit für alle Menschen eröffnet hat. Sein verdienst ist es aber, dass er zu den gehörte, die es zuerst gedacht und niedergeschrieben haben und es vor allem verstand, seine Forderungen und Gedanken unter dem Utilitarismus zu subsumieren. So wird er auch seinen Anteil an diesen Entwicklungen gehabt haben.

 

   

Literaturverzeichnis

 Bentham, Jeremy: Principien der Gesetzgebung. Dumont, E. (Hrsg.), Köln 1833.

 

Kraus, Oskar : [Der Machtgedanke und die Friedensidee] in der Philosophie der Engländer.

 Bacon und Bentham. Bunzel, J. (Hrsg.) Leipzig 1926.

 

Lilge, Carsten: Hamburger Abendblatt vom 14.2.1998.

 

Microsoft: Encarta Enzyklopädie 2001.

 

Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Reclam, Ditzingen 2000.

 


 

[1] Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 4.

[2] Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000.

[3] Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000.

[4] Vgl. Lilge, C., Hamburger Abendblatt vom 14.2.1998.

[5] Vgl. Kraus, O., Der Machtgedanke und die Friedensidee, 1926, S. 50. (zit. nach Bentham, J.).

[6] Vgl. Kraus, O., Der Machtgedanke und die Friedensidee, 1926, S. 51f. (zit. nach Bentham, J.).

[7] Mill, J. S.,  Der Utilitarismus, 2000, S 21.

[8] Kraus, O., Der Machtgedanke und die Friedensidee, 1926, S. 47. (zit. nach Bentham, J.).

[9] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 30ff.

[10] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 34ff.

[11]  Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 43.

[12] Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 43f.

[13] Vgl. Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 15f.

[14] Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 16.

[15] Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 16f.

[16] Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 18.

[17] Vgl. Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 21.

[18] Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 25.

[19] Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 1.

[20] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 1.

[21] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 20.

[22] Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 83.

[23] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 87f.

[24] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 67.

[25] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 89f.

[26] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 38ff.

[27] Vgl. Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 61ff.

[28] Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 109f.

[29] Vgl. Mill, J. S., Der Utilitarismus, 2000, S. 50ff.

[30] Kraus, O., Der Machtgedanke und die Friedensidee, 1926, S. 38. (zit. nach Bentham, J., Grundsätze für ein künftiges Volkerrecht und einen dauerhaften Frieden, 1915).

[31] Vgl. Kraus, O., Der Machtgedanke und die Friedensidee, 1926, S. 53ff . (zit. nach Bentham, J.).

[32] Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000.

[33] Vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000.

[34] Bentham, J., Principien der Gesetzgebung, 1833. S. 120.