Graefekiez

Wie aus der Vorstadt von "Berlin-Cölln" zuerst die "Schlächter-Wiesen" und später dann ein Teil des Bezirks Kreuzberg in "Groß-Berlin" wurde.

I Historischer Abriß

Im 15. Jahrhundert kam das Gebiet des heutigen Graefekiez in den Besitz der Doppelstadt Berlin-Cölln. In Ost und West unterteilt wurde das Gebiet durch die Straße von Berlin nach Dresden, was ziemlich exakt dem Kottbusser Damm entspricht.
Das Gebiet lag zwar "vor den Toren", der Grund und Boden gehörte aber dennoch Berlin-Cölln, wie das auch heute noch bei den "Stadtgütern" so ist.

Ausgelöst durch die Städteordnung von 1808 (Steinsche Reform) entbrannte ein langer Streit, ob das Gebiet Berlin-Cölln oder dem (angrenzenden) Kreis Teltow gehörte. Nach einer Karte von 1830 bildete die heutige Urbanstraße die Grenze zwischen
der Tempelhofer Feldmark und dem berlinischen Hütungsgelände. Erst 1840 kam es zu einer endgültigen Einigung.

Hütungsgelände oder genauer "Schlachter-Hütung" wurde das Gebiet des "Urban" (etwa zwischen Urbanstraße, Kottbusser Damm und Landwehrkanal) genannt, weil die Schlachter-Innung von der Stadt das Recht erhalten hatte dort das gekaufte Vieh
zu weiden, bevor es zum Schlachten benötigt wurde. In späteren Zeiten wurde dann ein ganz erheblicher Teil des Gebiets für den geplanten Wohnungsbau benötigt, so daß sich die Schlachter-Innung mit einem Gebiet um den Zickenplatz (daher der
Name) begnügen mußte.

Erst der Hobrecht-Plan (1862) machte die Stadterweiterungsplanungen von P. J. Lenné (Planmaterial um 1855) für den Graefekiez verbindlich. Die Grün-Planungen von Lenné sahen die Anlage der Plätze und Grünzüge vor, wie sie zu einem erheblichen Teil auch heute noch existieren (wie z.B. Zickenplatz, Grimmpromenade, Fontanepromenade ,
Baerwaldpromenade). Das Straßengeflecht des heutigen Graefekiez ist daher eine Mischung aus alten historisch gewachsenen Wegbeziehungen, dem "Generalszug" Hsenheide/ Gneisenaustraße/ Yorkstraße... (Planungen Lenné) und der "modernen"
Stadtplanung des 19. Jahrhunderts. Erst 1920 entstand dann der Bezirk Kreuzberg im Zuge der Bildung von "Groß-Berlin".

II Die heutige Situation

Natürlich findet sich auch im Graefekiez die "Kreuzberger Mischung" als typische Verklammerung von Wohnen und Gewerbe.
So werden einige Innenhöfe seit der Gründerzeit bis heute gewerblich genutzt. Gewechselt hat nur die Art des Gewerbes; während früher produzierendes Gewerbe überwog, findet man heute eher Dienstleistung.

Bereits früher - genauso, wie heute - war die Straße Kottbusser Damm eine wichtige Einkaufsstraße. Durch den starken Straßenverkehr ist die Tradition der Vergnügungsstraße "Bummel-Boulevard" stark zurückgegangen, so daß sie kaum mehr zum Verweilen einlädt. Anders ist das in der Graefestraße, welche ebenfalls "schon immer" Geschäftsstraße war und diesen Charakter bis heute beibehalten hat.

Mitten im Graefekiez liegen einige Schulen. Offenbar hatte der Magistrat hier keinen Platzmangel, da das Gelände der öffentlichen Hand gehörte und früher -im Gegensatz zu heute - "Flächen-Bevorratung" noch eine Qualität der Stadtplanung darstellte.

Insgesamt sind hier 5 öffentliche Schulen, zu finden. Die Lemgo-Schule ist dabei die einzige Grundschule. Daneben gibt es noch zwei Gymnasien (Robert-Koch- und Hermann Hesse-Oberschule) und eine Hauptschule. (Fr.L.Jahn-Schule). Zusätzlich findet sich eine islamische Privatgrundschule.

Die Häuser im Gebiet stammen ganz überwiegend aus der Zeit um die Jahrhundertwende (86.1% wurden zwischen 1870 und 1914 erbaut). Daneben gibt es noch 10 % Neubau (= 1949 bis heute); vor allem als als Ersatzbau von Kriegsschäden.

Typisch für den nördlichen Rand des Graefekiezes ist die Promenade am Landwehrkanal. Richtung Westen öffnet sich der Kanal zum ehemaligen Urbanhafen, an dessen Südrand heute das Urbankrankenhaus steht.

Die östliche Begrenzung des Graefekiezes bildet der Kottbusser Damm welcher zugleich die Grenze zum Bezirk Neukölln darstellt. Insgesamt jedoch hat sich im Graefekiez durch die Vielzahl von Geschäften und Gaststätten eine lebendige
Straßenatmosphäre erhalten, die es zu erhalten und zu pflegen gilt!

(GraefePost-Artikel von Gerhard Stahl und Robert Schlieter)

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